Damit nichts kneift und drückt

Ehemalige Führungskräfte der Textilindustrie machen jetzt ihr eigenes Ding: „Braclub“ in Heubach

Ein unscheinbares Schild neben der Klingel am Hintereingang eines Wohn- und Geschäftshauses am Heubacher Postplatz – der einzige Hinweis darauf, dass dort die Firma „Braclub“ ihren Sitz hat. „Braclub“, das sind im Wesentlichen Karl-Heinz Barth und Reinhold Burr, die ihre Firma vor zwei Jahren gründeten und den Markt für Damenwäsche aufmischen wollen.

Barth und Burr sind alte Hasen im Geschäft, beide um die 50. Viele Jahre waren sie als Führungskräfte für ein großes, weltweit tätiges Heubacher Wäscheunternehmen tätig. Dann der Schritt in die Selbstständigkeit – in einem Alter, in dem andere überlegen, ob sie nicht ein bisschen kürzer treten wollen. Warum? „Wir wollten unsere Ideen verwirklichen, schneller umsetzen, selbst Entscheidungen treffen“, erklärt Karl-Heinz Barth die Motivation. Er habe zu viel Zeit in Meetings, Besprechungen und mit Bürokratie verbracht. „Jetzt bespreche ich mich mit meinem Partner zwischen ‘Tür und Angel’, wir entscheiden, und es geht weiter“. Das machen sie in gemieteten Räumen: Da ein Besprechungszimmer, dort das Archiv – ein Raum mit Schnittteilen, Prototypen, Passform- und Produktionsmustern. Dann das Herzstück: das Zimmer mit dem Schnitttisch. Dort, wo Reinhold Burr neue Produkte entwirft, laufende Modelle auf Passform bringt und auch Anproben mit den Models sind. Moldkegel liegen da, die verschieden große Frauenbrüste abbilden. Stoffe. Und nebenan kümmert sich Karl-Heinz Barth ums Geschäftliche.

Und was macht Braclub? „Mit neuen Ideen und Innovationen interessante Konzepte für und zusammen mit namhaften Wäschemarken umsetzen“, heißt es in einem offiziellen Firmenstatement. Konkret: „Wir kreieren neue Produkte, neue Kollektionen in den Bereichen Mieder und Wäsche“ und zwar für andere Firmen, für Wäschemarken, Handelshäuser und Textilketten. Einen „Braclub“- Büstenhalter gibt es bislang nicht zu kaufen. Ziel in der Ferne sei zwar der Aufbau einer eigenen Marke. Aber das ist teuer und mit hohen Investitionen verbunden, die zunächst verdient werden müssen. Noch nichts für jetzt. Zurzeit arbeite Braclub mit bekannten Wäschemarken und Handelsketten zusammen, entwickle Neues für deren Kollektionen – und zwar von der Idee bis zum fertigen BH.

Alles aber beginne mit der Idee und dem Schnitt, um den sich Reinhold Burr kümmert: „Wenn Du den Schnitt selber in der Hand hast, ist gewährleistet, dass das rauskommt, was der Kunde will und was unser Passformanspruch ist“, doziert Barth. Dass die meisten Wäschefirmen eigene Designer haben, stört Barth und Burr nicht. „Wir glauben, dass es für viele Firmen gut ist, mal eine neue Handschrift und damit frischen Wind in die Kollektionen zu bringen.“ Da setzen sie an. Ideen, Innovationen, Impulse: Das ist das Motto, das sich die junge Firma gegeben habe. „Wir haben Einiges im Köcher“, berichtet Barth. In der Materialtechnik, bei Schaumstoffen oder Verschlüssen und Trägern arbeite Braclub an Neuerungen. Und auch daran, einen BH zu entwickeln, der die Passform eines Bügelträger-BHs biete – ohne einen Bügel eingearbeitet zu haben, weil der oft drücke und kneife.

Wenn er über das Produkt spricht, den Büstenhalter, da kommt Barth ins Schwärmen: „Klar, eine neue Kollektion lebt von der Optik, aber die Basis, das sind eine gute Passform, Komfort und Bequemlichkeit.“ Er zeigt ein Höschen ohne Nähte und sichtbare Säume. Neue Technologien zur Herstellung von Wäsche, auch damit beschäftig sich die Firma. Wer Neues mit guter Optik verbinde, wecke Begehrlichkeiten, weiß Barth. Der Kundin das Gefühl vermitteln, „dass sie den BH haben muss“: So seien bessere Preise zu erzielen.

Zurzeit gehe es darum, Produktionsstätten aufzubauen: über Beteiligungen zum Beispiel. Dies gewährleiste „Entscheidungsdurchgriff bis in die untersten Produktionsebenen“, sagt Barth. Zudem Reihen zu halten. In China, wo Barth und Burr zunächst investieren wollten, habe „die Mentalität einfach nicht gepasst“. Zusammen mit einem Investor vor Ort arbeiten Burr und Barth jetzt daran, in Indonesien eine eigene Fabrik aufzubauen. Im Jahr 2014 soll dort die Produktion anlaufen. Grundstücke seien bereits gekauft, und erste Pläne liegen vor. „So können wir den Knowhow-Transfer direkt von Heubach in die Produktionsstätte übermitteln“, hofft Barth.

Allerdings müsse sich Braclub in Heubach größer aufstellen, am „Set-up“ arbeiten, wie Barth das nennt. Dazu werde in naher Zukunft in Heubach in Technik und auch in Personal investiert: Fachleute, die Prototypen nähen können, sollen eingestellt werden. Braclub will eine kleine Schnitt- und Musterabteilung aufbauen. Wenn’s „Set-up“ steht, könne Braclub alle Anforderungen erfüllen. „Wir sind dann in der Lage, von Design und Schnitt über Beschaffung und Produktion bis zur Auslieferung, alles in eigener Hand umzusetzen“, erklärt Barth.

Ihre jahrelange Erfahrung bei ihrem früheren Arbeitgeber half den beiden beim Start, half Türen öffnen und gute Konditionen auszuhandeln: „Wir hatten das Knowhow, wir hatten ein Netzwerk, das kam uns zu Beginn schon zugute“, berichtet Barth. Mittlerweile rechne sich die Sache, nachdem die Firmengründer zunächst von Erspartem zehren mussten. Braclub trage sich – und könne mit dem Verdienten investieren.

Den Sprung in die Selbstständigkeit würde er auf jeden Fall wieder machen, sagt Barth. Das Risiko sei zwar niemals zu unterschätzen, aber mit Wissen, Erfahrung und gesundem Menschenverstand sei viel zu erreichen. „Es geht voran, und wir sind überzeugt, dass wir Einiges bewegen können.“

Quelle: Gmünder Tagespost – Von Jürgen Steck

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